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Bismarck - ein charismatischer Herrscher?

Der Sammelband von Frank Möller "Charismatische Führer der deutschen Nation (München 2004)" enthält einen lesenswerten Beitrag von Christian Jansen über die Grenzen der von Hans-Ulrich Wehler in seiner Gesellschaftsgeschichte vorgenommenen Übertragung des charismatischen Konzepts nach Weber auf die Herrschaft Bismarcks. In einer Besprechung des Sammelbands fasst Marcus A. König die Ausführungen Jansens so zusammen:
"Der Beitrag von Christian Jansen über Otto von Bismarck macht sehr deutlich die Grenzen des Charismakonzeptes klar. Im Gegensatz zu Hans-Ulrich Wehler, der Bismarck als "erste[n] Charismatiker in der deutschen Politik" bezeichnete, kann nämlich Jansen zeigen, dass die Zuschreibungen von Charisma im Weber'schen Sinne vor allem nach Bismarcks Rücktritt und posthum stattfanden. Der danach entstehende Bismarck-Mythos darf nicht mit charismatischer Herrschaft verwechselt werden. Bismarcks Selbstinszenierung enthielt viel mehr Elemente bürokratischer und traditionaler Herrschaft. Er konnte keine Versammlungen durch seine Reden mitreißen, er wurde öffentlich stark kritisiert, und selbst seine Anhänger beschrieben ihn nie mit Begriffen aus der religiösen oder übernatürlichen Sphäre. Epitheta der kraftvollen Bodenständigkeit sind dagegen viel häufiger zu finden. Bismarck ist also eher als rationaler Herrscher anzusehen, der unter günstigen historischen Rahmenbedingungen krisenhafte Situationen kontrolliert herbeiführte und rational nutzte, um danach in einer "veralltäglichten" Herrschaft die Verbindung zur traditionalen Legitimation zu halten."

Zit. nach: Marcus A. König: Rezension von: Frank Möller (Hg.): Charismatische Führer der deutschen Nation, München: Oldenbourg 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 4 [15.04.2005], URL: (zuletzt aufgerufen am 16.04.2008).

Zur Theorie der charismatischen Herrschaft:
Max Weber: Charismatische Herrschaft, Wirtschaft und Gesellschaft (1922).

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